Wie macht Julia Koschitz das eigentlich, dass sie nur gute Filme dreht?

Hauptrolle in der ZDF-Romanverfilmung „Schweigeminute“ als Lehrerin, die sich in einen ihrer Schüler verliebt. Hauptrolle im ARD-Drama „Der letzte schöne Tag“ als Ehefrau und Mutter von zwei Kindern, die aufgrund von Depressionen aus dem Leben geht. Dann kam die quirlige Angestellte in einer Männerdomäne in der ZDF-Komödie „Männer ticken, Frauen anders“ und im realitätsnahen ZDF-Medizindrama „Das Wunder von Kärnten“ eine mutige OP-Schwester. Dass die in Belgien geborene Wahl-Münchnerin Julia Koschitz stets in bemerkenswerten Filmen zu sehen ist, hat der Zufall zu verantworten, sagt sie. Nun ist Julia Koschitz im historischen ZDF-Zweiteiler „Das Sacher In bester Gesellschaft“ (16 und 18. Januar, 20.15 Uhr) zu sehen – mit Korsage und opulenten Kleidern. Zufall hin oder her, dass die Rollen so authentisch sind, liegt ganz sicher an der Schauspielerin, ihrer Auswahl und ihrer Art der Vorbereitung. Im Interview gibt Julia Koschitz einen Einblick in Arbeit und Leben:

 

 

Ist es eigentlich eine Kunst, ausschließlich – wie Sie - in guten Film mitzuwirken?

“Die Qualität der Filme, in denen ich mitspiele wird natürlich jeder anders bewerten. Ich kann nur sagen, dass ich mich schon immer darum bemüht habe, Projekte zu machen, hinter denen ich stehen kann, deren Geschichte ich erzählenswert finde. Mein Gestaltungsspielraum liegt allerdings maßgeblich in der Auswahl der Bücher, die man mir anbietet, oder für die ich zum Casting eigeladen werde.“

 

Und?

“Ich denke, dass die Entscheidung, ein Projekt abzusagen ebenso wichtig ist, wie eines zuzusagen. Mit der Auswahl der Filme, die ich mache, kann ich am besten zeigen, wohin ich ungefähr will. Und natürlich ist bei mir noch lange nicht alles ausgeschöpft. Es gibt noch viele gute Regisseure und Produzenten, mit denen ich gerne arbeiten würde. Und wenn ich die Gelegenheit habe, sie persönlich zu treffen, kommuniziere ich mein Interesse mittlerweile auch ganz offen - dann liegt der Ball wieder beim anderen.“

 

Aber Sie haben ein Ziel. Sie wissen, wohin die Reise gehen soll?

 “Ich denke schon, dass ich ein Ziel habe, wobei mein Ziel eher eine Richtung ist, ein Weg, den ich nicht perfekt planen kann, der von vielen äußeren Faktoren abhängt. Mein Wunsch ist es, Filme zu machen, die mich selbst als Zuschauer interessieren würden. Und auch wenn die Auswahl für mich heute größer ist, als am Anfang, gibt es noch viel Spielraum für diesen Wunsch. Am meisten Einfluss habe ich auf meine eigene Qualität, deswegen versuche ich stetig an mir als Schauspieler zu arbeiten.“

 

Warum spielen Sie nun eine der Hauptrollen im ZDF-Zweiteiler „Das Sacher“?

“Ich habe mich gefreut, dass ein historischer Stoff an mich herangetragen wurde. Bisher habe ich nur in zwei Filmen mitgespielt, die nicht in der heutigen Zeit angesiedelt waren. Da waren´s die sechziger, siebziger und achtziger Jahren. „Das Sacher“ war da etwas Neues für mich. Das hat mich neugierig gemacht.“

 

Und weiter?

“Ich fand es spannend, ein Abbild dieser Zeit rund um das Hotel Sacher zu erzählen. Und Anna Sacher selbst, eine unglaublich moderne Frau um die Jahrhundertwende. Das hat mich interessiert.“

 

Was reizt Sie überhaupt am Schauspielberuf?

“Die künstlerische Auseinandersetzung mit unserem Dasein und die Verkörperung all unserer Stärken und Schwächen. Ich finde es aufregend, mich in verschiedene Charaktere hineinzuversetzen, in fremde Lebenswelten einzutauchen und sie versuchen zu verstehen. Genauso wie in ein anderes Zeitalter, wie hier bei Sacher. Selbst wenn die Geschichte erfunden ist, konnte ich eine kleine Idee davon bekommen, wie es sich als Frau dieser Gesellschaftsschicht um die Jahrhundertwende angefühlt hat. Allein die Kleidung gibt einem eine Vorstellung davon.

Wie war das hier?

 “Das Kostüm hat meine Körperhaltung sofort verändert. Es gibt wesentlich weniger Bewegungsfreiheit, wenn man in einer Korsage steckt und bodenlange Röcke und einen Hut trägt. Fürs Spielen ist das sehr hilfreich. Man muss nur mit langen Masken-Zeiten rechnen, was für mich eine tägliche Geduldsprobe war. Ich will immer am liebsten gleich drauflos arbeiten.“

 

Haben Sie trotz Korsage und historischer Kleidung ein Handy dabei - oder stört Sie das Kommunikationsmittel der Jetztzeit?

“Leider kann ich das von mir nicht behaupten. Ich habe mein Handy meistens in meiner Tasche, die irgendwo am Set herum liegt, aber ich schau immer nur in größeren Pausen nach, ob ich irgendwelche Nachrichten bekommen habe.“

 

Wollen Sie der Figur und der Biografie, die Sie darstellen, gerecht werden? Würden Sie sich sonst nicht so gut in einer Rolle fühlen?

“Gerecht werden wollen würde ich einer historischen Figur. Das habe ich bisher in meinem Schauspielerleben nur ganz selten gehabt. Ich versuche aber, meinem Anspruch gerecht zu werden.“

 

Möchten Sie auch Figuren aus der heutigen Zeit gerecht werden?

“Auf jeden Fall. Allein schon aus Respekt. Ich sollte es zumindest so gut wie möglich versuchen. Ich lasse mich selbst durch Unglaubwürdigkeit aus einer Geschichte herausreißen. Das ist auch privat so, wenn ich einem Menschen nicht glaube, wenn er unauthentisch auf mich wirkt, dann habe ich ein Problem, mich auf denjenigen einzulassen.“

 

Wie ist es nach Ende einer Dreharbeit?

“Ich versuche, Projekte so anzunehmen, dass ich die nötige Zeit der Vorbereitung habe. Ich achte aber nicht unbedingt darauf, ob zwischen Projekt A und B genug Ruhezeit bleibt. Das schaffe ich leider manchmal nicht. Das geht aber vielen so, weil sich Drehzeiträume auch gerne mal verschieben.“

 

Was heißt das konkret?

“Es gibt immer wieder Zeiten, wo bei mir alles kulminiert und ich irgendwann das Gefühl kriege, jetzt wäre es auch mal schön, einen Tag wieder auszuschlafen oder einfach mal nichts tun zu müssen.“

Wie wichtig ist Ihnen die Meinung des Publikums ?

„Sehr wichtig! Wir machen ja Filme fürs Publikum. Das Feedback beim Semmeln holen brauche ich jetzt nicht unbedingt, auch wenn das nett sein kann. Ich suche mir ein Feedback eher in meinem privaten Umfeld. Es gibt ein paar wenige Menschen, die mich gut kennen, auch schauspielerisch, von denen ich mir ein ehrliches und auch gnadenloses Feedback holen kann.“

 

Und weiter?

„Es ist schön, wenn Leute auf einen zukommen, die von einem Film sehr berührt wurden, oder sich persönlich angesprochen fühlen. Das sind für mich besondere Momente.“

 

Passieren die Ihnen oft?

„Ab und zu.“

 

Noch einige private Fragen zum Schluss: Was sind die Säulen, auf denen Ihr Leben aufgebaut ist?

„Die maßgeblichen Säulen in meinem Leben sind die Menschen, die mir nah sind – die haben absolute Priorität. Und die verstehen Gott sei Dank, dass mein Beruf auch einen großen Stellenwert für mich hat. Dem gehe ich sehr unabhängig nach, mit allen Konsequenzen.“

 

Konkret?

„Das bedeutet, dass ich oft nicht zuhause bin, nicht greifbar bin für meine Freunde, also meine maßgeblichen Säulen. Das muss dann alles nachgeholt werden, in meiner freien Zeit. Den Raum dafür nehme ich mir aber auch, weil mir meine Freunde einfach sehr wichtig sind. Ich glaube, diese zwei Komponenten haben die größte Bedeutung in meinem Leben.“

 

Müssen Sie sich mitunter kneifen vor lauter Glückseligkeit? Bedanken Sie sich mitunter mit einem Blick nach oben?

„Bestimmt kann ich mich unendlich glücklich schätzen für Vieles, in meinem Leben – privat wie beruflich. Da gibt es täglich Grund, mich zu bedanken, bei wem auch immer. Ich versuche, die Achtsamkeit dafür zu haben, aber sie geht mir auch mitunter mal flöten, weil ich in Betriebsamkeit verschlungen bin.“

 

Und?

„Na abgesehen davon, dass man sich eben immer wieder daran erinnern sollte, wie gut es einem geht, ist es jetzt auch nicht so, dass bei mir alles immer genau so läuft, wie ich es mir wünsche. Das wäre auch der Wahnsinn. Das wäre verrückt oder wahrscheinlich würde man verrückt werden. Beruflich gesehen empfinde ich es immer noch oft als ein Ringen, um eine Qualität, um die es mir geht, oder um meinen eigenen Anspruch.“

 

Sie nehmen sowohl die menschlichen Säulen, als auch die beruflichen ernst – und versuchen, aufrichtig mit dem Beruf und mit der Arbeit umzugehen. Das ist auch eine Form von Dankeschön sagen.

„Das hört sich natürlich schön an, wenn Sie das so sagen.

 

© Wolfgang Wittenburg / T&T – Jede Infoauswertung ist honorarpflichtig –  1 / 2017

 

 

Fotos: © Dorothee Falke

Text: © Wolfgang Wittenburg