Die Schweizer "Tatort" - Kommissarin Delia Mayer

 

Jahrelang war sie Dauergast an bekannten Theaterbühnen. Aber erst der „Tatort“ machte sie einem Millionenpublikum bekannt. Delia Mayer ist die selbstbewusste Kommissarin Liz Ritschard, die mit Kollege Stefan Gubser in der Schweiz ermittelt. Am 5. März läuft eine neue Folge aus dem Land der Eidgenossen. Selbstbewusst, dass ist sie auch privat. Die Frau mit der auffallenden Lockenpracht sagt, was sie denkt, auch wenn es unbequem ist. Im Interview spricht sie offen über ihre Mentalität, ihre Familie und das Älterwerden.

 

Macht Ihnen die Arbeit beim „Tatort“ eigentlich Spaß?

Klar. Das Krimiformat bietet die Möglichkeit, eine Abgründigkeit im Menschen zu studieren, sein Handeln zu durchleuchten; manchmal ist es verständlich, manchmal nicht. Und das tue ich natürlich auch privat. Ich bin neugierig, gebe mich nicht so schnell zufrieden. Deshalb hat der Tatort mich gesucht – und auch gefunden!

 

In Ihrer Rolle als Liz sind sie burschikos und kühl. Wie ist denn die Delia Mayer?

Ich kann burschikos sein, bin aber natürlich auch weiblich. Und kühl bin ich überhaupt nicht. Aber die Liz ist doch auch nur kühl, weil sie sich Emotionen in ihrem Beruf nicht immer leisten kann.

 

Also eher unnahbar?

Ja, okay, das kann man sagen. So wie ich die Rolle anlege, ist Liz ein zwar emotionaler Mensch, hält aber ihren verletzlichen und auch versehrten Kern unter Verschluss, um in ihrem Job der tough und eine Männerdomäne ist zu funktionieren. Und es kommt auf ihr Gegenüber an, welche Teile sie offenlegt. Wenn sie mit Kindern oder Opfern, oft Frauen, zu tun hat, ist sie sanft. Macht, Machos und Verlogenheit kann sie nicht ausstehen.

 

Die Liz hat ein lesbisches Verhältnis?

Ja, Liz ist lesbisch. Doch sie hat Angst vor Nähe, deswegen bleibt es meist bei kurzen Episoden.

 

Ist Ihnen das schwer gefallen zu spielen?

Nein. Aber grundsätzlich hängt es immer vom Spielpartner ab, was zum Fließen kommen kann. Da sollte schon eine Sympathie bestehen. Außerdem war die Szene sehr zurückhaltend.

 

Sie sagten: „Im Tatort kann ich meine Wurzeln spüren, die ich doch irgendwie in der Schweiz habe …“

Vor dem Tatort habe ich in Wien gewohnt, spielte am Burgtheater, dann kam ich in die Schweiz zurück. Das hat in mir viel wach gerufen. Ich spüre eine Art Heimatgefühl, liebe die Natur und mittlerweile auch die Beschaulichkeit. Im Tatort wir ja auch genau dieses Idyll gezeigt, dass dann aber demontiert wird.

Sind Sie gerne Schweizerin?

Ein Teil von mir ist Schweizerin und den mag ich.

 

Was ist das?

Das Schwyzerdütsch ist beispielsweise eine witzige Sprache. Ich liebe die Schweizer Freundschaften. Die sind dauerhaft. Und besonderes ist schön ist es, im Tessin Kastanien zu sammeln und danach aus den Kastanien „Vermicelle" zubereiten. Der beste Nachtisch, den ich kenne.

 

Und der andere Teil?

Der der ist nirgends zu Hause.

 

Warum?

Ich bin ein Mensch, der Fragen stellen muss und sich nicht so schnell zufrieden gibt mit dem, was ich sehe. Aber in der Schweiz mag man es, wenn man sich nicht zu nahe tritt, sich nicht bedrängt. Alles respektvoll und harmonisch abläuft. Da ecke ich schon mal an.

 

Sind die Schweizer wirklich so bedächtig?

Mir wird in der Schweiz immer gesagt, dass ich viel zu schnell sei … Ich soll langsamer reden, langsamer denken. (sie lacht). Es gibt oft Momente, wo ich den Landsleuten zu schnell bin. Aber die Langsamkeit ist für mich etwas Mühsames, das bremst mich. Wobei mit dem Älterwerden kann es auch seine Vorteile haben, sich mal zwei Atemzüge Zeit zu nehmen, und dann ein Urteil fällt, ob richtig ist, was man gerade denken will.

 

Das fällt Ihnen bestimmt schwer?

Ja, das stimmt. Ich bin spontan, sprudelnd. Das sind Dinge, wo ich meine Mitmenschen manchmal überfordere. Ich sorge gerne mal für Irritationen.

 

Wo leben Sie in Zürich?

Mitten in der Stadt. Beim See.

 

Warum ist Schweizer Käse so teuer?

Weil die Produktionsbedingungen teuer sind in der Schweiz und die Preise geschützt. Ja – teuer, aber auch sehr lecker! Käse, Schokolade, Kühe – ich liebe diese Klischees … Das einzige, was ich nicht mag, sind Uhren an der Hand.

 

Bei einem Fotoshooting strecken Sie die Zunge raus. Für wen könnte das gewesen sein?

Och, für viele Leute. Zurzeit denen, die Angst vor Flüchtlingen haben, die Angst haben, vor etwas, was sie nicht kennen. Aber nur Zunge rausstrecken bringt nicht viel. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten.

 

Sie haben eine tolle Figur. Sind Sie sportlich?

Ich tue eigentlich zu wenig. Aber ich bin ein Mensch, der immer in Bewegung ist, bin viel mit dem Fahrrad unterwegs. Tai Chi mache ich, um von meinem Herumrasen runter zu kommen.

Bei wem möchten Sie gerne ein Megafon benutzen, um sich Gehör zu verschaffen?

Bei Politikern, wenn es um die Lohngleichheit geht! Haushaltsaufteilung, Kindererziehung – diese  ganzen Strukturen würde ich an vielen Orten aufbrechen wollen.

 

Wie oft haben Sie Ihre Lockenpracht verflucht?

Noch nie. Ich liebe meine Haare. Im Gegenteil: Ich fluche, wenn die Luft trocken ist und sie runterhängen. Wenn ich mal glatte Haare beim Dreh gemacht bekomme, wirke ich anders. Ich gehe sogar anders, eleganter, angepasster. Das finde ich toll, aber das bin ich nicht.

 

Gibt es schon ein paar graue Haare?

Ja klar, aber ich färbe nicht.

 

Sie werden jetzt 50. Panik-Attacken - oder große Party?

Ich weiß noch nicht mal, was ich morgen will. Was soll also in einem Jahr sein. Grundsätzlich finde ich das Älterwerden etwas Cooles. Es ist etwas Entlastendes. Ich habe das Gefühl, ich bekomme mehr Luft.

 

Was gibt Ihnen die Luft?

Mein Erfahrungsschatz ist grösser, ich habe mehr im Leben gesehen, kann Dinge miteinander vergleichen, habe Neues entdeckt und Altes losgelassen. Sozusagen ein größeres Sortiment in meinem Laden … Ich entdecke immer mehr Ruhe, die Natur, das Wandern. Früher musste ich durch Städte wie Berlin und New York rennen, ohne Luft zu holen. Jetzt entdecke ich auch das Spazieren gehen. Ich nehme immer mehr eine wachsende Bescheidenheit wahr.

 

Wie meinen Sie das?

Ich spüre Demut und Wertschätzung für das was mich habe und erleben darf, für das Wissen, dass alles jeden Tag anders sein kann und dass wir endlich sind.

 

Ihr Papa, der bekannte Jazzmusiker Vali Mayer, ist 80. Was von ihm gelernt?

Das man einen großen Teil Kindheit in sich bewahren muss. Er kann mit meiner 12-Jährigen Tochter rumalbern, dass ich denke, die beiden sind gleich alt. In ihm steckt eine so große Lebensfreude. Das finde ich toll.

 

Was kann Ihr Vater von Ihnen lernen?

Dass es neben meiner Mutter noch ein anderes weibliches Wesen gibt, das das „Maul“ aufreißt. (sie lacht) Das Multitasking – ich nenne es liebevoll: Mutti-Tasking! Und dass man jeden Tag etwas Neues anpacken kann. Ich spiele zum Beispiel seit acht Wochen Kontrabass.

Was ist für Sie im Leben wichtig?

Dass mir meine Neugierde erhalten bleibt. Auf das, was noch so alles kommt. Mich interessieren Menschenseelen, ich finde es spannend zu erfahren, wo die Menschen herkommen und wie sie funktionieren. Was sie zu dem macht, was sie sind.

 

Wie sieht das aus?

Ich beschäftige mich mit Themen wie etwa: Woher kommt der Mensch? Kann es sein, dass er durch die Meere durchgeschwommen ist und ist es wahr, dass sich die Sprache durch Klicklaute entwickelt hat, damit man die Tiere beim Jagen nicht erschreckt. Oder warum kommt ein Mensch von A nach B zu C. Was kann er steuern, was nicht.

 

Wie sieht ein „normaler“ Tag in Ihrem Leben aus?

In meinem Leben gibt es keinen sogenannten normalen Tag. Manchmal wünsche ich mir, dass die Tage ähnlich wären, aber ich glaube das würde ich nicht aushalten.

 

Haben Sie keinen Rhythmus?

Doch. Also: Aufstehen, meine Tochter wecken, Frühstück machen, meine Katze füttern. Dann räume ich auf. Anschließend habe ich entweder telefonische Besprechungen oder bereite Lesungen, Proben, Konzerte vor. Aber oft ist Vieles spontan und setzt sich aus Pflicht und Kür zusammen, das ist bei einem künstlerischen Beruf gar nicht so klar zu trennen.

 

Das klingt spannend...

Tja, da mixt sich hochkomplexes Denken mit Wäsche aufhängen, einkaufen und einfach nur mit Freundinnen reden. Ja ach, eine Schlange habe ich auch noch …

 

Ihhh …

Ach quatsch. Das ist eine süße, kleine Kornnatter. Sie ist 80 Zentimeter klein, noch ein Baby.

 

Haben Sie Emotionen zu Ihrer Geburtsstadt Hongkong?

Ich war zwei, als wir nach Europa zurückgekommen sind. Dennoch schwingt da etliches mit, weil ich viel von meinen Eltern und meinem älteren Bruder erzählt bekommen habe, Bilder in meinem Kopf habe. Manchmal finde ich es schade, dass ich diese Zeit verpasst habe. Ich möchte unbedingt da noch mal hin. Für Hongkong empfinde ich Gefühle, die vielleicht mit dem Ort gar nichts zu tun haben. Wir werden sehen … Auf jeden Fall kommt meine Tochter mit.

 

Und was hält Sie davon ab?

Es steht immer in der Konkurrenz zu den Reisen, wo man eigentlich entspannen will und dementsprechend werden die Natur-Urlaube bevorzugt.

 

Haben Sie mehr Frauen- oder Männer-Freunde im Bekanntenkreis?

Ich muss leider zugeben, dass der Großteil aus Frauen besteht. So 60 zu 40. Ich verstehe mich mit Frauen gut. Stutenbissigkeit ist mir total fremd. Ich habe eine Tochter, ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter. Bei Männern habe ich oft das Gefühl, ich muss etwas übersetzen. Das hat auch mit dem Älterwerden zu tun. Ich akzeptiere eine Verschiedenheit. Obwohl es klar ist, dass es weiblich denkende Männer gibt, genauso wie männlich denkende Frauen. Da hat ja jeder verschiedene Anteile.

 

 

Text: ©  Petra Kaiser / T&T

Fotos:© Markus Nass / T&T