Max Riemelt - Jetzt kommen die Zweifel

 

Wie leicht war Ihr Anfang als Schauspieler?
„Ich habe sehr früh angefangen, zu drehen, und das war auch nichts, was mir besonders schwer gefallen ist. Damals habe ich das nicht bewusst forciert. Für mich war es immer eine Ausnahmesituation, die ich schon gesucht habe, die aber auch durch die Umstände bestimmt ist. Das kann ich im Nachhinein sagen. Erst später habe ich entschieden, diesen Beruf professionell zu machen, und das Ganze ernst zu nehmen, als etwas, was mich noch länger im Leben begleiten wird. Gelernt habe ich nie etwas.“
 
Kennen Sie Orientierungslosigkeit?
„Meine Orientierungslosigkeit fand für mich früher in dem Moment statt, wenn ich von Dreharbeiten zurück in den Schulalltag gekommen bin. Ich hatte aber nur wenige Ideen, was ich von Beruf hätte werden wollen. Ich hätte überhaupt nicht gewusst, was ich studieren will, um später dann in einem bestimmten Bereich arbeiten zu können. Ich hätte nicht sagen können, worauf ich genau Lust hätte.“

Da kam Ihnen die Filmarbeit ganz recht?
„Bei den Filmen, die ich bisher machen durfte, hatte ich die Möglichkeit, mich sehr auszuprobieren. Das war für mich wahrscheinlich das Attraktivste daran, dass ich als Kind von Erwachsenen respektiert wurde, für etwas, was man sich ansonsten im Alltag nicht leisten darf. Das ging bei mir aber durch Ausprobieren und mit der Legitimation, man muss etwas spielen. Deswegen habe ich aus meiner Intuition entschieden, dass Schauspiel genau das Richtige für mich ist.“
 
Was sind Ihre Eltern von Beruf und wie haben die reagiert?
„Meine Eltern sind beide Grafikdesigner, trotzdem sind sie dem gegenüber unterschiedlich eingestellt.“

Wie?
„Meine Mutter fand das immer ganz toll und hat mich unterstützt und geschützt, damit ich weitermachen konnte. Mein Vater war mehr skeptisch, weil er doch meinte, dass man etwas lernen sollte, bevor man sich so einem Spaß hingibt. Ich finde diese Einstellung durchaus realistisch. Erst mit der Zeit hat mein Vater gemerkt, dass es bei mir andere Dimensionen angenommen hat und jetzt auch seinen Frieden damit gefunden, dass ich Schauspieler geworden bin. Oder Darsteller?“
 
Warum tun Sie sich mit der Definition Ihres Berufes schwer?
„Das ist absolut so. Es gibt so viele unterschiedliche Arten und Weisen einer Philosophie, diesen Job auszuführen, und deswegen darf man sich da nichts einbilden. Ich habe keine klassische Ausbildung gemacht und auf der Bühne stand ich auch noch nicht. Das sind Faktoren, die mich eindeutig von anderen unterscheiden.“


Sind das auch Fakten, die Sie herausfordern?

Richtig. Ich sage nicht, dies ist das Ende der Fahnenstange, sondern ich sage nur, dass ich mich, obwohl ich in einer privilegierten Arbeitssituation bin, deswegen noch lange nicht sicher in diesem Beruf fühlen darf.“

 

 

Was fasziniert Sie?

Für mich ist es immer wieder der absolute Wahnsinn, was ich durch meine Arbeit für hervorragende Menschen und Schauspieler kennenlerne. Das ist ein eindeutiges Plus an diesem Beruf.“

 

Warum sind Sie nicht überzeugt von sich und gehen nach vorne?

Na ja, für mich ist diese ganze Sache so unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass man jederzeit nicht mehr gefragt sein könnte und sich dadurch wirklich alles ändern würde. Ich mache mir immer einmal wieder einige Gedankenspiele, ein Menschenleben ist auch nicht so lang und deshalb muss man ziemlich konsequent sein, wenn man noch etwas anderes ausprobieren will. Ich muss gucken, wie lange die Lust bei mir hält, wie lange es Herausforderungen gibt, die mich wirklich reizen. Mein Grundsatz heißt: Ich möchte diese Arbeit nicht nur machen, um Geld zu verdienen.“

 

Obwohl Sie Verantwortung als Vater einer sechs-jährigen Tochter haben?

Ich denke, dass es in einem kreativen Job elementar wichtig ist, dass man locker und flexibel bleibt. Um weiterzukommen und sich verändern zu können, neue Ansätze zu finden und nicht gestresst zu sein. Letzten Endes glaube ich nämlich, all das würde man den Figuren ansehen und das finde ich nicht gut.“

Wie wichtig ist Privatleben im Gegensatz zur Arbeit?

Absolut wichtig. Die geistige Reife eines Menschen entwickelt sich nicht nur durch Arbeitserfahrungen, sondern auch durch ein volles Leben abseits der Arbeit. Das darf man bei der ganzen Sache nicht vergessen, ich habe ein Privatleben, ich muss auch dort viel leisten und das ist mir sehr wichtig.

 

Machen Sie bewusst eine Trennung zwischen Privatleben und Beruf?

Nicht bewusst, vielleicht unterbewusst und das passiert auch durch die Umstände bei den Dreharbeiten, durch die ich den Job mache, wie ich ihn mache. Wenn jemand sagt, wir drehen dort und dort, dann ist das halt so. Dann hat das wahrscheinlich mit Geldern zu tun, die in dieser Region ausgegeben werden müssen, um Leute dort zu beschäftigen und weil es optisch gut passt, weil das auch der Geschichte zuträglich ist. Da kann ich nicht einfach hin- und herreisen, wenn ich jeden Tag beschäftigt bin.“

 

Das klingt pragmatisch.

Einerseits kommt mir das manchmal entgegen, so dass ich mich voll auf die Arbeit konzentrieren kann. Andererseits ist es natürlich aber auch schwierig, wenn ich nicht einfach mal so zu meinem Kind reisen kann, um zu sehen, wie meine Tochter groß wird. Es sind immer die zwei Seiten der berühmten Medaille.“

 

Wollen Sie ein abgesichertes und durchgeplantes Leben?

 Nö, für mich ist es unrealistisch, wenn man meint, sicher im Leben zu sein. Das ist naiv, nicht gut nachgedacht.“

 

Warum?

 Gerade, wenn man viel in der Welt unterwegs ist und sieht, was darin alles so passiert, wenn man einmal auf sein eigenes Leben guckt, dann merkt man doch, wie unwahrscheinlich das ist, was wir hier alles haben. Was für einen Luxus wir in unseren Breitengraden erleben. Trotzdem kann auch im Privatleben einiges passieren und damit ist plötzlich alles verändert. Ich denke, davor ist keiner gefeit. Da kannst du Geld haben, und meinst, fest im Sattel zu sitzen, es kann trotzdem immer etwas passieren. Für mich ist Gesundheit das Wichtigste – für mich ist der Mensch an sich immer noch ein Wunder. Ich denke manchmal, das ist der reine Wahnsinn, wie glatt das Leben bei mir bisher gelaufen.“


Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für eine Figur und einen Film?

Das können unterschiedliche Aspekte sein. Natürlich hat meine Lust damit zu tun. Manchmal reizt mich auch ein ganz klares Drehbuch. Dann gibt es aber auch wieder Leute, mit denen ich gerne zusammen arbeiten möchte, mit denen ich vielleicht auch schon gearbeitet habe. Es gibt auch die Casting-Situation, wo ich nicht so genau von einem Projekt weiß, dann aber dort Leute kennen lerne, und dadurch Lust kriege, mit ihnen zu arbeiten. Ich habe jetzt aber einige Erfahrungen gemacht, und ich weiß, was ich ungefähr will und was nicht.“

 

Was macht Sie glücklich?

Ich denke, die Menschen, die mich wirklich lieben. Und Zeit. Den Faktor Zeit behandele ich als etwas ganz Wertvolles in meinem Leben.“

 

Wovor haben Sie Angst?

(überlegt kurz): „Ich kann das nur schwer definieren. Vielleicht sträube ich mich auch dagegen, denn ich versuche, dem entgegen zu treten, indem ich jede Form von Angst im Keim ersticke.“

 

Wissen Sie, welche Wirkung Sie auf Ihre Zuschauer haben?

Manchmal habe ich Respekt vor den Konsequenzen. Wenn ich merke, dass durch einen Film ein Hype (mitreißende Werbung, Anm. d. Red.) passiert, wenn die Leute bei einer Premiere unverhältnismäßig auf einen Film reagieren. Manchmal denke ich dann, es ist schon Wahnsinn, wie sich das alles potenzieren kann. Du stehst vor einer Kamera und arbeitest ganz normal, aber der Effekt und die Wirkung dessen, kannst du mitunter gar nicht mehr absehen. Das ist für mich manchmal erschreckend!“

 

Warum?

 Wenn ich dann nur noch Menschen gegenüber stehe, die schon ihr Vorurteil über mich haben, egal, ob positiv oder negativ, finde ich es schade, dass ich nicht mehr neutral wahrgenommen werde. Wenn ich meine, isoliert zu sein, dann ist das für mich beängstigend.“

 

Mögen Sie die Popularität, die mit Ihrer Arbeit verbunden ist?

Es hat schon seinen Grund, warum ich diesen Beruf gewählt habe und das hat auch etwas mit Popularität zu tun. Ich will aber populär für eine Sache sein und die soll angemessen bewertet werden und nicht durch die Medien noch über alle Maßen hinaus gehypt werden. Populär für ein gutes Stück Arbeit, damit habe ich kein Problem, aber manchmal fehlt der Kontext.“

 

Gucken Sie Filme mit sich gerne?

Na ja, ich mag es, das Produkt zu sehen, um es mit meiner Vorstellung abzugleichen. Das finde ich immer wieder ganz spannend, aber danach reicht es auch. Bei mir gibt es keine Max-Riemelt-Filmabende.“

 

Welche Resonanz ist Ihnen wichtig?

Das hängt bei mir immer auch von der Situation ab, manchmal möchte ich nicht über Arbeit reden müssen, besonders, wenn ich mich gerade entspannen will. Auch in Sachen Kritik macht für mich die Dosis das Gift aus.

 

Fotos: © Markus Nass

Text: © Wolf Sandé