Leslie Malton - Übers Älterwerden

 

Guten Tag, Baronin – ist die Anrede korrekt?

(Leslie Antonia Baronin von Manteuffel gen. Szoege) lächelt und nickt mit dem Kopf): Es ist nett, aber wirklich nicht wichtig. Leslie genügt.

 

Sie sitzen vor mir völlig ungeschminkt. Wie wichtig ist Make-up für Sie?

Ich bin als Kind der 70er Jahre („Let it flow“) groß geworden. Die Parole hieß: „Einfach natürlich sein“. Es dauert mir zu lang, wenn ich mich jeden Morgen schminken müsste. In dieser Zeit lese ich lieber oder schlafe länger oder frühstücke ausführlicher mit meinem Mann. Es gibt vieles, was ich lieber mache, als mir im Badezimmer die Haare auf Lockenwickler zu drehen. In meinem Beruf werde ich ohnehin geschminkt. Das reicht. Natürlich mache ich mich hübsch, wenn ich auf eine Gala gehe. Aber um wirklich aufzufallen, sollte man vielleicht mal ungeschminkt gehen!

 

Sie haben mir erlaubt, Sie nach Ihrem 56. Geburtstag im letzten Jahr zu fragen ….

Egal, ob es der (schnippt mit den Fingern) 47., 49., 51. oder der 56. Geburtstag war. Zahlen bedeuteten mir nichts – außer, wenn ein Minus davor steht.

 

Haben Sie sich der Altersstufe angepasst und die Miniröcke entsorgt?

 (lacht laut): Ich trage immer noch Mini, was für eine Frage. Außerdem werde ich wohl nie aus den Jeans rauskommen.

 

 Möchten Sie noch einmal 20 sein?

(überlegt) Das wäre ganz lustig. Für einen Tag oder zwei. Allerdings würde ich dann jugendliches Aussehen gerne mit meiner jetzigen Lebenserfahrung kombinieren wollen.

 

Flirten Sie gerne?

Ja, ich konnte und ich kann. Das macht Spaß! Die Frau mit 50 lässt sich einladen und geht danach allein nach Hause – wenn SIE will! In der Jugend hat man sich vielleicht zu mehr verpflichtet gefühlt. Das heutige Selbstbewusstsein ermöglicht einen Flirt in dem Wissen, dass beide gut gelaunt wieder auseinander gehen können. Flirten ist wie wunderbar essen oder Ski fahren oder Schwimmen gehen. Ein Elixier, aber keine Verpflichtung. Da sprühen Funken. Das tut gut.

 

Lassen Sie sich vom kursierenden Schönheitswahn anstecken?

Nein. Manche Kolleginnen (auch Männer) verfallen diesem Kult und das finde ich sehr schade. Jede Falte erzählt etwas über einen Menschen. Mich macht glücklich, wenn ich etwas von der Seele des anderen Menschen in seinem Gesicht entdecke. Nach einer „Reparatur“ wirkt man nicht jünger. Die Menschen sehen eher seltsam aus. In Wien wurde ich einmal überraschend im Restaurant angesprochen: "Wie schön, Dich wieder zu sehen!!“ Die weibliche Stimme war mir zwar vertraut, aber auf Anhieb erkannte ich überhaupt nicht die Person. Erst als ich das Wirtshaus verließ, war die Erinnerung plötzlich da – und machte mich fassungslos. Die Lösung: Die Frau war in der Vergangenheit ein großes Vorbild. Für mich! Ich hatte sie wegen ihrer Schönheit bewundert, wegen ihrer beeindruckenden Persönlichkeit! Tragisch, dass sie sich dem Schönheitsdiktat gebeugt hat und dadurch völlig verändert wurde. Sie war nicht mehr zu erkennen.

 

Käme für Sie so eine Operation jemals in Frage?

Man soll niemals nie sagen. Eine gute Schulfreundin litt immer unter ihrer großen Nase und hat sie sich operieren lassen. Witzigerweise ist es mir gar nicht aufgefallen. Sie hat eine starke Persönlichkeit und die neue Nase passt perfekt in ihr Gesicht. Nach einem Unfall ist eine OP oft psychologisch wichtig. Vielleicht auch bei Schlupfliedern und Tränensäcken. In unserer visuellen Branche wissen Produzenten, Regisseure und andere Filmschaffende, dass sich immer mehr Künstler operativ verjüngen lassen. Damit wird leider möglicherweise ein neues Schönheitsideal geschaffen. Unangepasstes Verhalten könnte ungute Folgen haben. A là „Was, die ist über 30? Zu alt!“ Oder „Nicht gestrafft wird nicht besetzt!“ Aber das Risiko gehe ich ein: Ich hoffe, dass ich auch mit Falten weiter besetzt werde. Es gibt so viele hervorragende Schauspielerinnen wie beispielsweise Corinna Harfouch, die nicht der Illusion ewiger Jugend verfallen sind. Dadurch kommt der Mensch viel mehr zum Vorschein.

 

Seit wann sind Sie Brillenträgerin?

Ich trage nicht meine privaten Brillen beim Dreh, sondern dann nur Kontaktlinsen. Wenn die Figur eine Brille trägt, dann muss für die Figur eine Brille besorgt werden, die für die Figur stimmt.

 

Gibt es andere Hilfsmittel?

Mein Rollator steht vor der Tür (lacht über ihren Witz).

 

Sie haben eine tolle Figur. Müssen Sie auf Ihr Gewicht achten?

Nein, nicht wirklich. Ich war immer aktiv. Einmal pro Woche mache ich Yoga und dreimal Fitness, wenn es die Zeit erlaubt. Das ist mein Wunsch.

 

Ihr Ehemann Felix von Manteuffel war früher wild, untreu, abenteuerlich. Als Skorpion neigen Sie zur Eifersucht. Wie passt das zusammen?

Ich gebe ihm keinen Grund, eifersüchtig zu sein und umgekehrt. Wir haben uns auf einer gleichen Ebene getroffen. Felix drückte es so aus: „Wir haben uns geliebt, ehe wir ineinander verliebt waren.“ Zwischen uns gab es kein Abwarten, kein Ausprobieren. Wie ein Buch, das nahtlos in den Schuber passt.

 

War es Schicksal?

Ich denke ja. Aber keine Liebe auf den ersten Blick! Bei unserem ersten Treffen 1985 am Set von "Das Totenreich" (Regie Karin Brandauer) konnten wir überhaupt nichts miteinander anfangen. Felix hielt mich für eine arrogante Kuh. Dabei war ich nur zutiefst verunsichert, weil ich relativ neu war in Deutschland. Ich sagte „Hallo“, schüttelte ihm die Hand und das war es. Ein Gesprächsthema fiel mir nicht ein. Es waren nur bekannte Theaterschauspieler engagiert. Ich hatte eigentlich Angst vor allen.

 

Ist er der Richtige?

Ja! Ich habe mit der Eheschließung auf den richtigen Mann gewartet. Als wir uns 1993 in Zürich wieder fanden, war ich in festen Händen. Wegen Felix habe ich diese Partnerschaft beendet.

 

Wie gehen Sie mit Trennungen um?

Länger als zwei Wochen sind nicht angenehm. Aber all diese beruflichen Trennungen sind endlich. Wir sind durch viele gemeinsame Arbeiten verwöhnt und wissen, was wir aneinander haben. Unsere Liebe ist nicht in Gefahr. Grundsätzlich finde ich es jedoch gut, wenn man nicht ständig aufeinander hockt

 

Schreiben Sie sich Liebesbriefe?

Wir veranstalten regelmäßig gemeinsame Lesungen über das Thema Liebe. Unser Briefverkehr hat sich durch Telefon, Email und SMS leider vermindert. Aber wir schreiben uns viele Karten.

 

Warum haben Sie keine eigenen Kinder?

Ich habe mich weder ausdrücklich dafür noch dagegen entschieden. Felix und Freunde sind mir sehr wichtig. Als Neunjährige besserte ich schon mein Taschengeld damit auf, Kinder zu beaufsichtigen. Ich habe sehr viele Windeln im meinem Leben gewechselt.

 

Sie sind Stief-Oma ...

Ja, Sasha (9) und Maximilian (6) sind die Kinder von Felix‘ Sohn Florian und sie nennen mich Nani.

 

Sind für Sie schon einmal Kinder im Bus aufgestanden?

 Nein. Aber ich stand kürzlich in der U-Bahn für eine Dame auf und die hat mich dafür lediglich mit einem strafenden Blick bedacht (lacht) Vielleicht war sie jünger als ich, sah aber jedenfalls älter aus.

 

Haben Sie Angst vor tödlichen Krankheiten?

Mein Vater starb an Krebs. An dieser Krankheit leiden so viele. Ich hoffe natürlich, dass ich lange gesund bleibe und wünsche mir den schönsten Tod überhaupt: Im Schlaf. Regelmäßiges Durchchecken beim Arzt ist verantwortungsvoll sich selbst und der Familie gegenüber.

 

Letzte Frage. Freuen Sie sich auf die Rente als Belohnungsphase Ihres Lebens...?

Die Belohnungsphase meines Lebens ist es, wenn ich arbeiten darf bis zum Tod.

 

Eine ganz wichtige Sache zum Schluss:

 

„Ich bin durch meine am Rett–Syndrom erkrankte Schwester zum Schauspielberuf gekommen!“

Sie engagieren sich seit rund zwei Jahren für die Aufklärung des „Rett-Syndroms“ – was gibt es Neues?

„Ich bemühe mich, erst einmal für die Existenz des Rett-Syndroms ein breites Bewusstsein zu schaffen. Zur Frankfurter Buchmesse erscheint ein Buch, das ich zusammen mit Roswitha Quadflieg geschrieben habe, es heißt ,Brief an meine Schwester‘. In diesem Buch wird die Krankheit beschrieben, sowie das Leben mit meiner Schwester Marion, die am Rett-Syndrom leidet und ihren Einfluss auf mich. Ungewöhnlich, aber ich bin davon überzeugt, dass ich durch meine Schwester zum Schauspielberuf gekommen bin.“

Warum?

„Das ist meine Erklärung. Ich glaube dadurch, dass meine Schwester nicht sprechen kann und sich nicht so ausdrücken kann wie wir, habe ich diesen Beruf gewählt, in dem beides so wichtig ist. Sprache und Ausdruck. Meine Familie steht immer wieder vor denselben Fragen: Warum ist Marion traurig? Was hat sie? Tut ihr was weh? Was hat sie gerade so zum Lachen gebracht? Ich musste immer vorausahnend sein. Deshalb habe ich versucht, herauszufinden, was Marion sagen wollte und was sie bewegt. So ergab sich mein Weg.“
 
Gab es denn andere Schauspieler in Ihrer Familie?

„Meine amerikanische Großmutter war im Vaudeville als Sängerin und Tänzerin tätig. Vielleicht habe ich das in meinen Genen, aber ich glaube eher, dass meine Schwester und ihre Krankheit sehr viel mehr mit meiner Entscheidung für gerade diesen Beruf zu tun haben. Marion kann sich in unserer Welt nicht ausdrücken. Ich habe das Glück und das Bedürfnis, dem, was auf Papier geschrieben steht, in dieser Welt ein Leben zu geben.“

Warum ist Ihnen Ihr öffentlicher Einsatz so wichtig?

„Ich kann den Bekanntheitsgrad, den ich habe, nutzen, um damit öffentliches Interesse zu wecken. Es ist sehr schön, wenn Menschen mich ansprechen, mir sagen, dass sie von einer Arbeit berührt worden sind, dass sie einen Eindruck hinterlassen hat. Das finde ich wunderbar und das brauchen wir Schauspieler auch. Jetzt ist es aber so, dass ich das umdrehe und diese Aufmerksamkeit, die für meine Person vorhanden ist, umwandeln kann in Aufmerksamkeit für das Rett-Syndrom.“

 

Fotos: Thomas Lüders

Text: © Ulrike Schankat