Kai Wiesinger – Kann sich nicht ansehen

 

Können Sie sich in Ihren Filmen gut ansehen?

Ich sehe mich generell gar nicht gerne selber. Ich finde, der Prozess ist das Erschaffen von einer Realität durch ein Filmteam, durch meine Kollegen. Wir, die vor der Kamera stehen, sind dabei völlig abhängig von denen, die um die Kamera herum arbeiten und alles bedienen, damit wir hinterher zu sehen sind. So schaffen wir gemeinsam eine fiktionale Realität. Ich, als Kai, gucke mir hinterher nicht gerne an, wie ich da meine Arbeit mache.

 

Sondern?

Mich interessiert nur die Arbeit am Set. Mich interessiert der Prozess und ich vertraue auf den Regisseur, der mir sagt, ob das in seinem Sinne und für den Film gut war. Der Regisseur hat das Gesamtkonzept im Blick. Ich, als Schauspieler, bin ein Rädchen, das eine Aufgabe in diesem Film erfüllt, bin aber nicht derjenige, der diesen Film gestaltet, sondern ich gestalte mit. Seit ,Der Lack ist ab‘ (seine Web-Serie auf www.myvideo.de) hat sich das natürlich stark verändert: Hier habe ich nicht nur die Bücher maßgeblich mitgeschrieben, sondern auch Regie geführt – da ist die Verantwortung eine ganz andere."

r Sie ist das Ansehen eines Filmes auch keine Form von Analyse: Wie habe ich meine Arbeit gemacht?

Ich, für mich, finde das sehr schwierig. In dem Moment, wo ich eine Figur spiele, lebe ich in dem Glauben, dass es diese Figur geben könnte und möchte das nicht von außen sehen – da reicht mir das Gefühl von innen heraus. Wenn ich aber auch Regie führe, muss ich einen entscheidenden Schritt weiter gehen und mich ganz anders wahrnehmen können. Da sehe ich jede Szene ja unmittelbar nach dem Drehen auf dem Monitor und habe tausend Dinge im Blick, auch mich.

 

Wie nehmen Sie sich wahr, wenn Sie den fertigen Film sehen?

Als Regisseur sehe ich jede Szene im Schneideraum so oft, dass mir jeder Pixel in Fleisch und Blut übergeht. Aber für mich als Schauspieler ist es ein desillusionierendes Erlebnis, zu sehen, dass meine Figur doch sehr ähnlich aussieht wie ich. Auch wenn ich für meine Rolle gefärbte Haare habe oder zehn Kilo zu- oder abgenommen hätte. Ich sehe doch mich als Menschen wieder und das möchte ich nicht. Aus meiner Innenansicht, wenn ich etwas darstelle, sehe ich mich ja nicht. Und dann kann ich damit leben: Das sind diese Emotionen, es sind diese Gefühle und ist diese Menschenkonstellation, die ich aber nicht sehen möchte, sondern ich möchte sie erleben, erspüren und spielen. Von daher glaube ich, ist ein Schauspieler aus meiner Perspektive grundsätzlich der falsche Adressat seines Filmes. Welcher Autor setzt sich denn hin und liest sein Buch? Absurd!

 

Tut es Ihnen denn gut, wenn der Bäcker Ihnen morgens beim Brötchenholen sagt, dass ihm ein Film mit Ihnen gefallen hat?

Natürlich tut das gut! Jeder Film, den man dreht, wird fürs Publikum gemacht. Und ich glaube, es wird auch in Deutschland noch viel zu viel am Publikum vorbei gedacht. Wir müssen immer weiter lernen, wie füttert man vorhandene Bedürfnisse, ohne den Menschen nur auf den Mund zu schauen. Deswegen muss nicht alles simpel sein.“

 

Sondern?

Man kann natürlich auch den Anspruch haben, etwas erzählen zu wollen, nach dem bis dahin noch keiner gefragt hat. Aber trotzdem ist es für mich ganz entscheidend und wichtig, dass man Filme komplett für die Zuschauer macht. Das ist keine Therapie für die Schauspieler oder keine Selbstverwirklichung für Autoren oder Regisseure. Sondern ein Film ist ein Produkt, das für den Zuschauer ist. Sonst wäre es ja so, als ob ich Brötchen backen würde, die keinem schmecken. Daran kann keiner Spaß haben, auch wenn es noch so extravagant aussieht. Wenn es keiner essen will, dann ist es ein Mist-Brötchen!

 

Sind Nischenprodukte im Filmbereich auch wichtig?

Absolut wichtig. Das finde ich ganz großartig, und man sollte auch immer mit wenig Geld für ein kleines Publikum kleine Filme machen. Man muss aber genauso große Filme für ein großes Publikum machen das finde ich zwingend. Sonst wäre es kein Wirtschaftszweig, sondern Selbstverwirklichung.

Ihre Biografie liest sich wie aus einem Guss?

Genauso, wie viele andere Schauspieler, bin auch ich immer wieder gescheitert. Gerade in einem künstlerischen Beruf verbringt man die Hälfte der Zeit damit, dass Dinge nicht so funktionieren, wie man sich das vorstellt, dass die Darstellung von etwas nicht gelingt, dass ein Film, den man vielleicht selber mit dem Regisseur und Produzenten als äußerst gelungen empfindet, keinen Zuschauer interessiert. Scheitern gehört ganz maßgeblich zu jeder künstlerischen Laufbahn dazu.

 

Trotzdem: Sie können sich Ihre Rollen aussuchen, oder?

Ich hatte das große Glück, von Anfang an zwischendurch immer wieder in erfolgreichen Filmen mitmachen zu dürfen. So haben die Zuschauer immer etwas gesehen, und ich musste nicht ein Dasein im Schatten der großen Leinwände verbringen. Sondern ich durfte bei vielen, schönen Filmen mitmachen. Wir versuchen das alle immer wieder, wenn jemand wüsste, wie das immer wieder zuverlässig gelingt, dann würde er es tun aber das weiß kaum einer. Und man sieht halt immer die großen und erfolgreichen Filme, die ein großes Publikum erreichen. Viele, wunderbare Arbeiten auch von anderen Kollegen gehen leider unter. Irgendwann sieht man die auf DVD und dann sagt man: Warum hast du mir von dem Film damals nichts gesagt? Nein, für den hat sich keiner interessiert! Das Internet bietet inzwischen eine sehr interessante Perspektive. Hier liegt die Zukunft. Was wir mit ,Der Lack ist ab‘ erleben, wäre noch vor drei Jahren undenkbar gewesen – und das ist erst der Beginn einer großartigen Entwicklung für unsere Branche.

 

Scheitern gehört dazu, auch wenn sich Ihre Biografie anders liest?

Ja. Im Künstlerischen leistet man sich das vielleicht noch mehr und steht mehr dazu, weil es einfach dazugehört. Denn, wenn das eine nichts geworden ist, dann versuche ich es danach wieder und wieder. Man befindet sich in einem ständigen Schaffensprozess. Aber ich glaube, in jedem Leben geht es immer mal bergauf und dann wieder bergab. Ich meine, man kann den Erfolg nicht genießen, wenn man nicht weiß, wo man herkommt.

 

Warum wirkt das bei Ihnen so anders?

Wenn man sich nur meine Filmographie anguckt und dahinter Häkchen macht, welcher Film hat ein großes Publikum erreicht und welcher nicht, dann, glaube ich, hält sich das bei mir sehr die Waage. Natürlich wird über die erfolgreichen Filme mehr gesprochen. Ich habe einmal einen österreichischen Film gemacht, den ich sehr geliebt habe. ‚Darum‘ heißt er und ist eine Romanverfilmung. Ich finde, das ist nach wie vor ein wunderbarer Film aber der ist in Österreich gefloppt und in Deutschland nie herausgekommen.

 

Kennen Sie Existenzangst?

Ich glaube, jeder Freiberufler hat im Laufe der Zeit Existenzangst. Keiner von uns weiß, ob er nächstes Jahr noch eine gute Rolle angeboten bekommt, weil das doch auch sehr modeabhängig ist. Sieht man so aus, wie die Zuschauer das gerade sehen wollen oder nicht? Aber ich glaube, dass diese Angst, die Menschen haben, wenn sie hören, jemand geht mit achtzehn in eine fremde Stadt und versucht, Schauspieler zu werden. Dann klingt das für viele nach einem wahnsinnig unrealistischem Schritt, der sehr viel Mut erfordert und das Wissen um ein Risiko.“

 

 

Aber?

Das hat man natürlich nicht. Wenn ich Schauspieler werden will, dann ist in mir die Triebkraft, der Wunsch als Schauspieler zu leben. Dann denkt man nicht: Ja, aber was wäre, wenn das nicht klappt? Man wird es, aber man ist es noch nicht. Man wird Schauspieler durchs Tun, und das kann man nur werden, indem man es macht. Das ist aber genauso für mich, als wenn ich sage: Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand Mathematik-Professor wird. Warum? Weil ich halt nicht gut rechnen kann. Deshalb erscheint es für mich als eine unmögliche Klippe, eine Doktorarbeit über Mathematik zu schreiben. Derjenige aber, für den Zahlen etwas Schönes sind, der findet das schlicht herrlich. Das ist alles eine Frage der Perspektive.

 

Hat die Schauspielerei Ihnen ein schönes Leben ermöglicht?

Wie schwierig es ist, als Schauspieler ein schönes Leben zu haben, das weiß ich. Wie schwierig das in anderen Berufen ist, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht sagt ein Bäcker oder ein Schuster seinen Kindern auch: Sieh‘ zu, dass du Schauspieler wirst, das ist besser, als eine Bäckerei zu haben. Ich glaube aber, jeder künstlerische Beruf bringt es mit sich, dass man ein Mensch ist, egal ob das gut läuft oder nicht! Man ist einer, der das machen muss, der das machen will!“

 

Und Sie ?

Ich wollte als Kind Fotograf werden, aber dann war der Drang, Schauspieler zu werden, so übermächtig, dass es gar nicht anders ging. Das überlegt man dann nicht rational. Und wenn meine Kinder eines Tages auch einen künstlerischen Beruf ergreifen wollen, dann werde ich es so machen, wie meine Eltern es bei mir getan haben. Ich werde darauf drängen, dass sie den möglichst besten Schulabschluss machen, damit ihnen möglichst viele Optionen offen stehen. Aber man kann, glaube ich, niemanden daran hindern. Man kann es verhindern und macht so automatisch einen Menschen unglücklich. Das möchte ich ganz sicher nicht.

 

Planen Sie Ihren Beruf?

Ich habe weniger Pläne als mehr Fantasien, Hoffnungen und Sehnsüchte. Das spornt mich als Künstler ganz besonders an. Ich lese gerade Interviews und Gespräche mit Francis Bacon. Da könnte ich in jeder Sekunde sofort aufspringen, in mein Atelier rennen und anfangen, zu fotografieren oder auch zu spielen, weil mich das beflügelt, wenn ich lese, was in so einem Menschen vorgeht. Ich finde es ganz wichtig, unabhängig zu sein und arbeiten zu können, wenn ich es möchte – das ist aber als Schauspieler nur kontinuierlich möglich, wenn ich das Umfeld habe. Ich habe lange darauf hingearbeitet und habe seit dem Erfolg von ,Der Lack ist ab‘ die Freiheit, jene Stoffe zu entwickeln, die mich begeistern. So entstehen Bücher und Rollen, die mich glücklich machen – und ich kann es planen!“

 

Fotos: © Boris Lajos

Text: © Wulf Webber