Ein Treffen mit.... Simone Thomalla

Draußen ist es nass und windig...

Der Mann auf dem Gehweg vor dem Fenster kriegt sich kaum ein vor Begeisterung, er lacht, hält beide Daumen hoch, nickt anerkennend. Hinter der Glasfront der Hotellobby sitzt Simone Thomalla auf einer Sofalehne und posiert für die Fotografin. Draußen ist es nass und windig, Tauwetter in Berlin, aber nun bleiben zwei weitere Männer im Regen stehen, sie gucken ungläubig, nicken dann, lachen. „Die hab’ ich bestellt“, sagt Thomalla und schickt ihr schmollmundiges Lächeln durch die Scheibe nach draußen, wo die Freude noch zunimmt. So schnell wird sie erkannt, aber das macht ihr nichts aus, im Gegenteil.

 

Man selbst war sich nicht gleich sicher, wer da zwei Stunden zuvor in der Lobby erschien. Eine Frau in engen, grauen Jeans, knapper Jacke mit Pelzkragen und tief in die Stirn gezogener Wollmütze. Ist sie das? Sie muss es sein, denn schon von weitem ruft sie: „Hallo, sind Sie mein Termin?“ Erster Eindruck: Viel schlanker als im Fernsehen. Kameras machten einen eben immer etwas dicker, wird sie später sagen. Überhaupt ist Simone Thomalla putzmunter und für die Tageszeit auffallend gut gelaunt. Sie ahnt den Gedanken wohl und erwähnt gleich noch, dass sie Frühaufsteher sei. „Wir hätten uns gerne auch schon um neun treffen können.“ Für gewöhnlich gehe sie da aber zum Sport, Kickboxen, mache sie schon seit einer Weile.

Mischung aus Fernsehen, Film und Freund

 

Thomalla ordert einen Cappuccino, gefrühstückt hat sie längst, und sie hat auch nichts dagegen, über viel mehr als nur ihren neuesten Fernsehfilm zu plaudern, was der offizielle Anlass dieses Treffens ist. Wobei man aus diesem Grund beinahe ständig mit ihr reden könnte, denn kaum eine Woche vergeht, in der sie nicht in einem Spielfilm, in einer Talkshow oder Kochsendung zu sehen ist.

 

Und neuerdings singt sie auch noch. Bei „20 Jahre Andrea Berg“ in der ARD tauchte sie plötzlich neben der Schlager-Königin in Lederhosen und Leoparden-Oberteil auf der Bühne auf, sang mit der Moderatorin Birgit Schrowange als Dritte im Bunde „Männer“ von Herbert Grönemeyer, der Saal tobte, und bei ihrer Antwort auf die Frage, ob sie jetzt häufiger singen werde, ist man schon mittendrin in der großen öffentlichen Thomalla-Mischung aus Fernsehen, Film und Freund.

 

Mein Freund ist bekennender Andrea-Berg-Fan, und als die Anfrage kam, ob ich mit ihr singen würde, hieß es zu Hause gleich: Ja logisch machst du das!“ Ihr Freund ist der Handball-Nationaltorhüter Silvio Heinevetter, 19 Jahre jünger. Zusammen bilden sie seit vier Jahren ein Jubel-Paar für den Boulevard, von dem später noch zu reden sein wird. Im Übrigen könne sie sich vorstellen, noch mehr zu singen, immerhin hat sie eine Gesangsausbildung und wollte einst Lehrerin für Musik und Deutsch werden.

 

Von der Schauspielerei infiziert

Ihr Weg begann in einem behüteten Künstlerhaushalt in Potsdam. „Man glaubt es vielleicht kaum, aber ich war wirklich ein sehr stilles, schüchternes, zurückhaltendes Kind“, sagt sie. Ihren Vater, Szenenbildner bei der Defa, begleitete sie häufig zu Dreharbeiten, doch selbst vor der Kamera zu stehen, den Wunsch verspürte sie damals nicht. „Papa fand das auch gut so. Die Schauspielerei war ihm nichts für seine kleine Prinzessin. Er wusste ja, wie schwer es ist, in diesem Beruf zu bestehen.“

 

Die erste Rolle

Dann aber, als sie in der zehnten Klasse war, überredete sie ein Kollege des Vaters doch zu Probeaufnahmen, so hieß damals das Casting, und Thomalla bestand. Der Film handelte ausgerechnet von den Abgründen des Kapitalismus, es ging um einen Mann in Westdeutschland, der nach langjähriger Firmenzugehörigkeit rausgeschmissen wird, aber aus Scham vor der Familie weiterhin jeden Morgen so tut, als ginge er zur Arbeit. Thomalla bekam die Rolle der Tochter, die den Schwindel entdeckt. Zu den Außendrehs nach West-Berlin durfte sie nicht mit, von der Schauspielerei aber war sie fortan infiziert. Sie bewarb sich an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin. Ihre Mitstudenten hießen Jan Josef Liefers, Götz Schubert, Tobias Langhoff, Gerit Kling, cool, ja, aber die Schule selbst hat sie nicht in bester Erinnerung. „Es war nicht gerade die schönste Zeit meines Lebens. Man wurde oft reduziert auf die Optik. Wer gut aussah, musste mehr tun, um akzeptiert zu werden.“

 

Friedliche Revolution als Geschenk

Im Herbst 1989 brachte Thomalla ihre Tochter Sophia zur Welt. Und nicht nur in dieser Hinsicht veränderte sich ihr Leben. Die friedliche Revolution in der DDR empfand Thomalla als Geschenk - aber auch als existentielle Bedrohung. „Bis dahin war alles überschaubar, aber nun waren tolle Leute aus dem Westen auf einmal unmittelbare Kollegen, da kam schon Panik auf.“

 

Im Sommer 1989 durfte sie, bereits im sechsten Monat schwanger, mit ihrem Vater zur Oma nach Castrop-Rauxel fahren; Freunde rieten ihr, „drüben“ zu bleiben, aber sie dachte nicht daran. „Ich hab den ganzen Überfluss nicht verkraftet, war völlig überfordert.“ Zehn Tage durfte sie bleiben, doch schon nach sieben kehrte sie zurück. „Ich war ganz erleichtert, als ich wieder zu Hause war.“

 

Sie wollte immer unabhängig sein

An die Konsumgesellschaft gewöhnte sie sich trotzdem „erschreckend schnell“, und ihre DDR-Herkunft streifte sie auf wundersame Weise ab. Schon bald nach der Wende wurde Thomalla selbst im Osten häufig für eine westdeutsche Schauspielerin gehalten. „Komisch, ja, aber fragen Sie mich nicht, warum“, sagt sie. Mit vielem, was damals plötzlich galt, war sie nicht einverstanden: dass Männer das Geld verdienen, Frauen zu Hause bleiben und Kinderkrippen schlecht sein sollen. „Ich wollte immer unabhängig sein, ein eigenes Einkommen haben und trotzdem Kinder erziehen, das ist mir Gott sei Dank gelungen.“

 

Alle Fotos: © Thomas Lüders

Text: © Stefan Locke, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt von Frankfurter Allgemeine Archiv