Melika Foroutan spricht über die Wichtigkeit von Omas und Opas, Fußball und ihre Angst vor einem Krieg


In der iranischen Krisenstadt Teheran geboren, im beschaulichen Boppard am Rhein aufgewachsen, lebt sie nun seit einigen Jahren in Berlin - Melika Foroutan ist das, was man unter Multi-Kulti versteht. Denn auch in ihren Rollen wird sie international besetzt. Mal als Türkin, mal als Kroatin oder als Halb-Russin…

 

Was ist Ihre größte Liebeserklärung, die Sie je bekommen haben?
Ein Buch – wie für Aurelie Bredin, die ich im Film spiele - wurde mir noch nicht geschrieben. Dass mein Mann mit mir die großen und kleinen Sorgen teilt, und ich mich nie allein gelassen fühle, wir gemeinsam durchs Leben gehen, empfinde ich als tägliche Liebeserklärung.

Wie lange sind Sie und ihr Mann schon zusammen?
Seit bald zehn Jahren. Wir haben zusammen eine fast sechsjährige Tochter und einen dreijährigen Sohn.

Wo haben Sie sich kennengelernt?
Auf einer Party. Aber tatsächlich behauptet er immer, er wäre schon davor immer in die Bar gekommen, in der ich als Studentin gekellnert habe, und ich hätte ihn nicht wahrgenommen.
Das kann ich gar nicht glauben.

Was lieben Sie an ihm?
Daß er ein guter Mann ist. Er hat eine große Kraft und kann die Ruhe bewahren, wenn es drauf ankommt.

Was ist deutsch, was ist iranisch an Ihnen?
Um mich herum sollte eine gewisse Ordnung sein. Ich mag es, wenn Dinge gut organisiert sind. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Vielleicht ist das Deutsch. Das Iranische: Meine Familie hat eine riesige Bedeutung für mich. Ich lebe mit meiner Schwester und ihrer Familie im selben Haus, meine Eltern wohnen zwei Straßen weiter. Wir sehen uns oft und verbringen viel Zeit miteinander. Wir streiten, mischen uns viel in das Leben des anderen ein. Das kann anstrengend sein, ich möchte es trotzdem nicht missen.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Ich bin mit sieben Jahren, kurz nach der iranischen Revolution nach Deutschland gekommen, in das sehr beschauliche Boppard am Rhein. In der Nähe befindet sich das Tal der Loreley. Ich hab zwar leider nie ein Konzert dort besucht, dafür aber umso mehr Burgen gesehen. Ich hatte eine schöne Kindheit.

Wie haben Sie es organisiert, wenn Ihr Mann und Sie arbeiten?
Ganz viel Oma und Opa. Meine Eltern sind natürlich präsent und auch die Schwiegereltern kommen gerne aus Dortmund. Alle vier sind eine unglaubliche Unterstützung. Das ist ganz toll, denn Großeltern sind extrem wichtig.

Warum?
Kinder zurück lassen ist immer unangenehm. Aber wenn sie bei der eigenen Familie sind, weiß man, sie sind gut aufgehoben. Und Omas und Opas sind oft so viel entspannter mit den Kindern. Ich bin sehr dankbar für diese Situation.

Wie oft sind Oma und Opa im Einsatz?
Ich habe in letzter Zeit angefangen, genau zu gucken, ob ich wegen eines Films die Stadt verlassen möchte. Obwohl ich weiß, dass ich Oma und Opa habe, achte ich darauf, dass ich nicht zu oft weg sein muss.
Wie sieht ein Sonntag im Haus Foroutan aus?
Wir hängen gerne ab, es ist so schön sich fallen zu lassen. Nur müssen die Kinder mitmachen…

Wo ist das Problem?
Es ist schon komisch: Die Kinder quälen sich beim Aufstehen, wenn sie morgens in den Kindergarten oder zur Schule müssen, aber am Wochenende stehen sie fast noch früher auf…

 

Sie mögen Fußball?
Mein Papa Bahman Foroutan ist leidenschaftlicher Fußballtrainer. Dieser Sport ist sein Leben. Deshalb hat Fußball in unserer Familie immer eine große Rolle gespielt. Und seit dem Sommermärchen, der WM 2006 hier in Deutschland, hat Fußball im ganzen Land einen neuen Zauber bekommen.

Welche Mannschaft mögen Sie?
Borussia Dortmund. Die Familie meines Mannes würde auch keine andere Antwort akzeptieren. Ich mag die Interviews, die Jürgen Klopp gibt. Ein schlagfertiger Hitzkopf.

 

Sie wirken auf den ersten Blick so kontrolliert. Was bringt Sie auf die Palme?
Ungerechtigkeit in jeder Lebenssituation. Ob sie sich persönlich, im gesellschaftlichen oder im politischen Leben abspielt ist egal. Es macht mich traurig und wütend.

Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen sie die Flüchtlingssituation, vor allem aus Afrika. Statt über echte Hilfsprogramme neben einem stimmigen Asylkonzept zu beraten fällt der EU nicht viel mehr ein ,als die eignen Zäune immer höher zu ziehen. Die Folgen dieses Handelns sind tödlich: Allein dieses Jahr sind bereits über 2.500 Menschen bei der Flucht über das Mittelmeer gestorben. Bisher hat die EU die Italiener bei der Seerettung im Mittelmeer weitestgehend allein gelassen. Und die haben jetzt ihr Rettungsprogramm drastisch reduziert. Es wird also noch mehr Tote geben.
Oder ein anderes Beispiel: Eine Freundin meiner Mutter kommt aus der Ukraine. Mit ihr habe ich kürzlich gesprochen. Sie hat befürchtet, dass ihr Schwiegersohn eingezogen wird. Die Angst, sein Kind in einem Krieg zu verlieren, möchte ich niemals haben müssen.

Welche Wünsche haben Sie?
Zur Zeit habe ich das Gefühl, dass sich die Konflikte auf der ganzen Welt wieder verschärfen. Ich wünschte mir mehr Stabilität, eine Richtung der Entspannung vor allem im Nahen Osten und in Afghanistan. Wenn ich alldiese Unruhe sehe, ist mir bewusst wie beschenkt ich lebe. Trotzdem wünsche mir natürlich Gesundheit für die Menschen die ich liebe.

Fotos: © Matthias Martin

Text: © Petra Kaiser